NINA OSINA
NINA OSINA
Foto: Andreas Fischer

Das Mysterium der Chaconne

 

Nina Osina meisterte in Kaufungen anspruchsvollste Violinmusik

 

Kaufungen – Wäre sie eine Sportlerin, müsste sie für diesen Auftritt die Goldmedaille erhalten. Nina Osina beeindruckte am Montag mit anspruchsvollster Musik für Violine solo in der Kaufunger Stiftskirche. Das Motto: „Chaconnes – ein Abend zum Erinnern“.

Die Musikform Chaconne – ursprünglich ein Volkstanz – besteht aus Variationen über einer ständig wiederholten Bassfigur. Das berühmteste Werk jener Gattung entstammt Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 2 d-Moll. Nach der viel beachteten These der Düsseldorfer Violinpädagogin Helga Thoene komponierte Bach die Chaconne als Trauermusik für seine 1720 verstorbene erste Frau Maria Barbara. Ein klingendes Grabmal mit der monumentalen Weite von 256 Takten.

Nina Osina meisterte nicht nur Bachs Gipfelwerk, sie präsentierte noch drei weitere Stücke. Wie bei Bach gab es Doppelgriffe, Akkorde, mehrstimmiges Spiel – alles enorm fordernd.

Die Kasseler Geigerin, die aus der Wolgametropole Kasan stammt, spielte bewundernswert klar. Saubere Intonation – die Musikerin hat ein absolutes Gehör – traf auf präzisen Rhythmus und souveräne geistige Durchdringung. Sie ließ komplexe Werke so erklingen, als wären sie gar nicht so schwer.

Nach einführenden Worten eröffnete sie den Abend mit der Passacaglia – eine verwandte Musikform – von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704). Das war wunderschön, so meditativ wie sanft schwingend.

Anschließend bezwang Osina den Bach’schen Gipfel, um darauf zu demonstrieren, welche Echos der Meister aller Meister im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ausgelöst hatte. Die Chaconne op. 117/4 von Max Reger und die Ciacona op. 21 von Richard Barth rundeten das Konzert ab.

Besonders das Reger-Stück faszinierte als gedankenschwer-grüblerische Komposition. Osina trug hier auch dunkle Farben auf und erwies sich in ihrer konzentrierten Art überhaupt als ideale Interpretin für tiefgründige Musik.

Zuletzt bekam sie verdiente Standing Ovations.

Der Abend war Teil des landeskirchenweiten Benefizprojekts „Musik macht Mut“. Eine starke Idee, unterstützt das Projekt doch soloselbständige Künstlerinnen und Künstler wie Osina.

 

Georg Pepl, Hessische Allgemeine (Kassel-Mitte) vom 27.10.2021

Schräge Brüche, enorme Wucht

„Schmaler Grat“: In der Karlskirche wurde die Reihe „drei in eins“ fortgesetzt

Grenzen ausloten: Künstlerin Stephanie Imbeau (von links), Painistin Ji-Youn Song, Nina Osina (Violine) und Pfarrer Uwe Jakubczyk. Foto: Pia Malmus

 

Kassel – Musik, Kunst und Sprache werden bei der vom Evangelischen Forum Kassel initiierten Reihe „drei in eins. Drahtseilakt“ verbunden – am Sonntag unter dem Titel „Schmaler Grat“. Mit Zeilen aus dem „Seiltänzer“, einem Gedicht des Schweizer Schriftstellers und Pfarrers Kurt Marti, eröffnete Pfarrer Uwe Jakubczyk die Veranstaltung: „Seiltänzer fußt Fuß auf wenig. Fußt fast auf nichts. Setzt Fuß hoch über den Köpfen“, heißt es da.

Leichtfüßig kam das bei Jakubczyk rüber. Ein unterhaltsames Spiel mit Worten, die doch viel zu sagen haben. Ihm zur Seite: die exzellenten Musikerinnen Nina Osina (Violine) und Ji-Youn Song (Klavier) – sehr konzerterfahren und, wie der Abend zeigte, offen für eine Musik, die nicht auf verträumte Kompositionen setzt, sondern auf Lautmalereien, auf experimentelle Klänge und Minimal Music. Bei einem Werk der Russin Sofia Gubaidulina („Der Seiltänzer“), das neben Kompositionen von Tom Johnson und György Kurtag auf dem Programm stand, kam das zum Tragen, viel mehr aber noch bei Alfred Schnittkes „ Sonata No.2 – Quasi una Sonata“ (1968).

Wer melodische Musik mag, war in der Karlskirche nicht richtig. Die Klangbilder verwoben schreiende Toncollagen, enorme Wucht und schräge Brüche. Ein Rausch der Töne füllte die Kirche. Von den knapp 70 Besuchern kam dennoch großer Applaus. Gut auch die Idee, Musik und Texte, die von Jakubczyk mit viel Charisma und bisweilen auf einem Stuhl stehend vorgetragen wurden, zu verzahnen. Auf Text folgte Musik. Jakubczyk zitierte auch aus der Bibel. Prediger 3 hatte er sich ausgesucht: „Für alles gibt es eine Zeit.“

Über allem schwebte die an der Decke befestigte Installation von Stephanie Imbeau –eine Collage aus Pappkartons. „Shifting Security“ (wandelbare Sicherheit) nennt sie ihre Installation: „Es ist eine Antwort auf die tiefe Resonanz, die Künstler finden zwischen dem, was unter und über dem Boden der Karlskirche ist.“ Lautstarker Schlussapplaus.

 

HNA, 26.09.2021

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