Nina Osina
Nina Osina

28. Juni 2020 um 19 Uhr

Préludes - Evangelium ohne Worte

 

Johannes Raab, Violoncello

Karin Kirchbichler, Lesung

 

Johann Sebastian Bachs Cello-Suiten sind für jeden Cellisten ein Heiligtum und ein Wunder. Ganz besonders die Préludes dieser Tanzsuiten regen mit ihrem improvisatorischen Erzählstil und ihrer enormen emotionalen Tiefe zum Nachdenken und Träumen an. Erzählen sie zusammen nicht vielleicht eine große Geschichte?  

»Mit aller Musik soll Gott geehrt und die Menschen erfreut werden. Wenn man Gott mit seiner Musik nicht ehrt, ist die Musik nur ein teuflischer Lärm und Krach«, so Johann Sebastian Bach über seine Vorstellung der eigenen Kunst und ihrer Bedeutung - Aussage eines zutiefst religiösen Künstlers und Menschen.

 

Es ist also nicht verwunderlich, dass Bach größtenteils geistliche Musik schrieb. Doch schuf er auch weltliche Werke, darunter die sechs Suiten für Violoncello, die zweifellos zum Schönsten gehören, was jemals für dieses Instrument geschrieben wurde. Ein Widerspruch gegen seine eigene Überzeugung?

 

Selbstverständlich sind die Suiten für Violoncello zuerst einmal eine Reihe von Tanzsätzen, und nichts Göttliches wäre in ihnen zu finden, außer Bachs Genius selbst. Bei näherem Hinhören und Hineinfühlen in die Suiten erahnt man aber: hier könnte mehr im Spiel sein, eine tiefere Bedeutung existieren.

Der britische Cellist Steven Isserlis schreibt: »Ohne die Reinheit der Musik und deren Qualität unterminieren zu wollen, habe ich von jeher instinktiv das Gefühl gehabt, dass sich hinter den Suiten eine Geschichte verbirgt.«

 

Nimmt man sich die Präludien der sechs Suiten allein vor, spielt sich vor dem geistigen Auge des Hörers ganz automatisch eine Geschichte ab. Mit dem Wissen um Bachs tiefe Religiosität und seiner Ansicht, dass Musik nur zum Lobe Gottes gemacht werden sollte, drängt sich der Gedanke geradezu auf, dass es sich um die Geschichte Jesu Christi handeln könnte.

 

Bachs Musik wirkt, ob geistlich oder weltlich, immer höchst spirituell. Dies ist keineswegs ein Zufall. Bekannt ist Bachs Beschäftigung mit Zahlensymbolik und der Kabballah. Bach  hat seine Musik ganz bewusst auf die eine oder andere Art spirituell aufgeladen. Es ist belegt, dass dies in besonderer Weise für die weltliche Musik gilt, der die Ebene des Glaubens vermeintlich zu fehlen scheint. 

 

Doch sprechen wir bei Bach mitnichten über Programmmusik - er versucht nicht, einzelne Episoden zu vertonen, sondern lässt Interpreten und Hörer gleichermaßen an wesentlichen universellen inneren Vorgängen des Menschen am Bespiel Jesu Christi teilhaben. Bach, als Komponist des Barock, macht uns den emotionalen Hintergrund, quasi den Inhalt seiner Musik, einerseits durch die Wahl der Tonart, vor allem aber durch auskomponierte Affekte zugänglich. Sie drücken Gemütsbewegungen wie Freude, Trauer oder Schmerz musikalisch aus und rufen eben diese beim Hörer wieder hervor. Gefühle, die absolut und übertragbar sind. Bach hat zudem, wie fast alle seiner komponierenden Zeitgenossen, von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Vorlagen anderer Meister zu bearbeiten sowie eigene ältere Werke in revidierter Form erneut heranzuziehen. Grund hierfür ist auch der reizvolle Aspekt, einmalige Gelegenheitswerke (etwa für Hochzeiten oder Beerdigungen) durch Aufnahme in einen anderen Darbietungskontext dauerhaft zu bewahren und damit geniale Ideen und Entwürfe – in einer Zeit ohne Gesamtausgaben und Tonaufnahmen - nicht ungenutzt liegen zu lassen. Hinter manchem Zitat verbirgt sich überdies eine nur für Eingeweihte erkennbare Reverenz an musikalische Lehrer und Vorbilder. Was im Kontext unseres Programms aber am wichtigsten ist: Bach konnte mit Zitaten aus seiner sakralen Musik seine weltlichen Werke spirituell „sättigen“ und ihr eine weitere inhaltliche Ebene hinzufügen.

 

Eben dies greift das „Préludes“-Projekt auf, in welchem die sechs Präludien der Cello-Suiten Bachs im Zentrum stehen – und auch dies auf verschiedenen Ebenen - musikalisch, indem wir Bachs Suiten als Fixpunkt, Zentrum aber auch als Anfang aller weiteren Beschäftigung mit der Thematik begreifen. Die Zusammenstellung der Werke bleibt aber nicht auf Bach beschränkt, sondern findet, von ihm ausgehend, seinen Weg in die Moderne. 

Peteris Vasks ist wohl einer der gläubigsten und in musikalischer Hinsicht spirituellsten Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts. Er möchte nach eigener Aussage „der Seele der Menschen durch seine Musik Nahrung geben“. Aus seinem Werk „Gramata cellam“ (Das Buch) erklingt der zweite Teil: „Dolcissimo“. Dabei handelt es sich um einen unendlichen Gesang, der einen ganz persönlichen Schmerz leise, aber dafür umso eindringlicher zum Ausdruck bringt. Abgesehen von diesem Stück aus dem Jahr 1978 sind alle weiteren eigens für dieses Programm geschrieben und haben eines gemeinsam: Es wurde ebenfalls bewusst keine Programmmusik komponiert. Stattdessen wurde versucht, die Herangehensweise Bachs zu imitieren, indem die inneren Vorgänge mittels musikalischer Affekte erlebbar gemacht werden. 

Ioannis Papadopoulos widmet sich in seinem „Prélude I“ dem Teufel und dessen Absicht, Jesus zu versuchen. Deutlich vernehmbar trachtet er, auf jede nur erdenkliche Weise sein Ziel zu erreichen, Jesus von seinem Weg abzubringen. 

Johannes Raab nähert sich seinem Thema als Instrumentalist auf improvisatorische Weise an. Als Grundlage für sein Stück „Im Garten Gethsemane“ dient ihm das Modell der Psychologin Elisabeth Kübler-Ross: Die fünf Phasen der Trauer. Somit besteht das Stück aus den Teilen: Erkenntnis - Zweifel - Zorn - Verhandeln - Depression - Akzeptanz, wobei es sich beim letzten Teil um ein Zitat aus Bachs Matthäus-Passion „Gerne will ich mich bequemen, Kreuz und Becher anzunehmen“ handelt.

 

Und so bilden die sechs Bach‘schen Préludes in Verbindung mit den modernen Werken quasi ein kleines verstecktes ‚Evangelium ohne Worte‘ für Violoncello. 

 

Und doch: »Im Anfang war das Wort«, so lesen wir zu Beginn des Johannes-Evangeliums. Auch wenn Bach uns in seinen Cello-Suiten einen Zugang zur Lebensgeschichte Jesu ganz ohne Worte, allein durch Musik und das durch sie ausgelöste Fühlen ermöglicht, soll das Wort dennoch erklingen. Wie die Musik, erzählen sie nicht en detail die Lebensgeschichte Jesu Christi nach. Ausgangslage der Reflexion ist auch hier der Affekt, eine besondere Qualität des Fühlens. Die Affektenlehre in der Musik bedient sich rhetorischer Elemente und schafft Verständnis für Inhalte, ganz ohne selber Worte verwenden zu müssen. Unsere persönliche Vorstellung, wie die in den Werken des Programms enthaltenen Affekte wiederum in Worte zu fassen sind, bilden die Grundlage für die Auswahl der einzelnen Texte. Zu Beginn steht natürlich die Bibel, konkret das Matthäus-Evangelium des Neuen Testaments in der Übersetzung Martin Luthers. Dieser hat die Texte der Bibel für jeden Leser zugänglich gemacht und damit auch dem Laien ermöglicht, sich ganz persönlich mit den Evangelien zu befassen, in ihnen einen Sinn für das eigene Leben zu suchen. Eine Chance zum Denken, Reflektieren, Hinterfragen, zum Hadern - aber auch zum Hoffen, zur Zuversicht, zum Glauben, zur Liebe - eine Chance auf Dialog, unabhängig davon, ob wir ihn mit Gott führen, gläubig sind oder uns diesen Gedanken ganz individuell stellen. Die Bibel geht dabei weit über den Kontext der Kirche hinaus. 

Walter Jens war ein Worte-Jongleur, ein brillanter Redner mit stupendem Wissen. Er konnte rhetorische Angriffe setzen und diese ebenso elegant und scharfsinnig abwehren. Diesem Talent und seiner klassischen Bildung verdankte Jens den eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen, den er von 1963 bis 1988 inne hatte. Seine Publikationen zur Literatur, zur Antike, zur Religion sind unzählbar; ganz zu schweigen von seinen Einlassungen zu aktuellen politischen Themen oder den vielseitigen kritischen Texten zu Kunst, Literatur und Fernsehen. Er sei kein Meister im Einzelkampf, hat Jens einmal gesagt, sondern im Zehnkampf - ein Leben im Zeichen der Sprache. Als überzeugter Christ hat er sich auch mit den Evangelien befasst und diese neu übertragen, so auch das Johannes-Evangelium, welches in Teilen im „Préludes“-Programm gelesen wird. Jens schlägt sich dabei auf die Seite der Mühseligen, Beladenen, Verfolgten und gibt damit den Zeilen eine aus unserer Zeit heraus gedachte Tiefe. 

Schließlich der griechische Schriftsteller Nikos Kazantzakis, der nichts weniger versucht, als aus einer vordergründig-weltlichen Perspektive das Offenbarungsereignis, welches das Leben Christi bedeutet, erfahrbar zu machen. Ein umstrittenes Buch, das die katholische Kirche unter Papst Pius XII auf den Index gesetzt hat. Kazantzakis lässt Jesus Gott und Mensch in einem sein, einen Sohn der Welt – einen, der liebt, trauert, sich an irdischen Dingen erfreut, einen Sohn zeugt – und doch immer der „Andere“ bleibt: ein Auserwählter, den die Dämonen verfolgen, ein Mann auf der Suche nach der Identität, ein Frommer, der mit Gott ringt, seine Aufgabe erfüllt und preisgibt – immer im Zwiespalt, immer an der Grenze zwischen Demut und Trotz. „Wer ist Gott?“ und „Wer bin ich?“ sind für Kazantzakis’ Jesus Fragen, die untrennbar zusammengehören.

(39,- pro Person, inkl. Konzert und Buffet)

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